Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: UK vs Deutschland

Es gibt einige Dinge, die macht Großbritannien falsch. Es gibt aber auch einige Dinge, die macht Großbritannien sehr richtig, jedenfalls besser als in Deutschland.

Bis zu diesem Sommer kannte ich die BBC mehr für ihre Fernsehserien, allen voran natürlich Doctor Who. Das letzte Mal, dass ich mit der BBC gekämpft habe, war als ich das Finale der 8. Staffel über einen grottigen VPN gucken musste, wegen Geoblocking.

Am Abend nach der WWDC-Keynote, nach über zwei Stunden mittelmäßiger Sprecher, schlecht geskripteter Witze und viel zu viel amerikanischer Aussprache hab ich mir gedacht, als Kontrastprogramm zu den schnarrenden amerikanischen Stimmen höre ich mir mal BBC Radio an. Eine Ration britisches Englisch. Nun ja, seit dem Abend höre ich eigentlich fast jeden Tag BBC Radio (meist Radio 1).
Dass ich nach meinen letzten Erfahrungen mit Radio (unter anderem 8 Stunden nonstop Schlager am Tag für über 3 Monate, und vier Wiederholungen eines Deutsch-Heul-Emo-Lieds in zwei Stunden) jemals wieder regelmäßig Radio hören würde, hat mich selbst sehr erstaunt.

Wer das Prinzip des öffentlich-rechtlichen Radios in Großbritannien nicht kennt, hier ein Vergleich:
In Deutschland hat jeder Sender einen Musikpool (egal ob privat oder ÖR) und nudelt den tagein tagaus herunter, immer den gleichen Einheitsbrei, und „die Hits der 80er, 90er und die besten neuen Hits“ ist auch nur ein Euphemismus für „Uraltkamellen die keiner mehr hören will, und die üblichen Top 40 Popcharts“. Der Moderator ist quasi austauschbar, was den Ablauf und Inhalt der Sendung angeht.
Bei der BBC ist der Musikpool aufgespalten worden: Radio 1 macht u.a. Charts, neue Musik, Dance; R2 macht „adult contemporary“, R3 macht Klassik, und so weiter. Zudem besitzt jeder DJ/Moderator seine(n) eigenen Slot(s), in dem er/sie meist einen bestimmten Musiktyp, ein Genre, ein Motto hat, und einige Freiheiten hat, was genau gespielt wird. Zum Beispiel Charts, Rock, neue Musik, Orgelmusik, Hard Rock, Dance, und so weiter. Natürlich gibt es Ausnahmen davon, und natürlich ist auch da nicht alles toll und super.

In Großbritannien beträgt die „licence fee“ £145.50/Jahr, das macht ca. £12.12/Monat, das sind je nach Umrechnungskurs um die 17€. Zum Vergleich: in Deutschland kostet die GEZ-Gebühr 17,50€/Monat.
Und was bekommen wir dafür? Furchtbare Scheiße. Ärztesoaps, Seniorenkrimis, Lanz, Pilawa und Kerner, inhaltlosse Talkshows, sinnlose Quizshows, und obwohl wir die GEZ-Gebühr zahlen müssen, zeigen die öffentlich-rechtlichen noch Werbung, primär für Senioren, damit die alten Knacker endlich wieder richtig pissen können, und natürlich Demenzpillen, damit sie nicht mehr die Hälfte von allem vergessen, nachdem das Mutantenstadel den Rest Gehirn zerfräst hat.
Es gibt Ausnahmen, aber die kann der Mann vom Sägewerk an einer Hand abzählen. Klinge ich leicht verbittert? Oh ja. Meine Lohnsteuer bekomme ich wenigstens im folgenden Jahr anteilig wieder, und das Geld finanziert Straßen und Schulen; aber die 17€ GEZ-Gebühr verschwinden auf Nimmerwiedersehen in einem dunkeln Loch und finanzieren von dort nur öffentlich-rechtlichen Bockmist, von dem ich nichts habe. (Ja, sie finanzieren auch Walulis sieht fern, Neo Magazin Royale und Sanft und Sorgfältig, aber anteilig ist das sehr wenig, würde ich vermuten.)

Und für den fast gleichen Preis bekommt man was genau in Großbritannien? Vier große Fernsehsender, fünf weitere Fernsehsender, neun nationale Radiosender, acht weitere (z.T. internationale) Radiosender, dazu Lokalradios für jede Region des Königsreichs. International renommierte Sendungen. Doctor Who, Top Gear, Sherlock, Naturdokus mit David Attenborough, und so viel mehr. Vielfältiges Radio; relativ bekannte Bands und Sänger singen dort auch exklusive Live-Konzerte. Und alles ist für 30 Tage online verfügbar. Alle Radiosendungen, alle Fernsehsendungen. Mit Apps für viele Plattformen. Und vor allem: per Gesetz ist es verboten, Werbung zu senden. 24 Stunden am Tag, ohne eine einzige Werbung. Ist das nicht herrlich?

Aus Interesse habe ich bei der Unterhauswahl im Mai die Berichterstattung der BBC verfolgt (die war sogar in Deutschland als Livestream verfügbar), und ich hatten zeitweise fast Befürchtungen, die 9. Staffel Doctor Who muss ausfallen, weil das Budget für Special Effects an dem Abend nicht klein war. Ein großes Studio mit mehreren Bereichen, riesige Touch-Bildschirme, Datenvisualisierung vom Feinsten, eine große interaktive Karte mit allen ‚constituencies‘, eine 3D-Version des Parlaments, in die die MPs projiziert wurden, Berichterstattung von den Auszählungsorten, und viel mehr. Und hier? Es werden Hochrechnungen gezeigt, ein paar lustige Diagramme, die Spitzenkandiaten dürfen ein paar hohle Phrasen ins Mikro labern, und das war’s fast schon.

Leider will die britische Regierung neben Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsleistungen auch die Gelder für die BBC zusammenstreichen (wobei die Kürzungen in den ersten drei Bereichen durchaus schlimmer sind als die Kürzungen im Rundfunk – aber was will man auch erwarten bei einer rechtskonservativen Mehrheitsregierung). Sicherlich gibt es auch der BBC Output, den man ohne große Verluste wegkürzen könnte; aber es ist gefühlt so viel weniger als hier. Die wissen einfach nicht, was sie da haben.

Und dann gibt es noch die BBC Proms. Hat nichts mit dem amerikanischen „prom“ (Ball) zu tun; die Proms sind eine Reihe von über 70 Konzerten im Sommer, übertragen in Radio und Fernsehen. Neben allerlei Klassik sind auch immer einige „populärere“ Konzerte mit dabei; 2011 etwa wurde im Rahmen eines Konzerts über Filmmusik ein Medley von James Bond-Musik gespielt (hier zu sehen und hören); 2015 gibt es unter anderem auch ein Konzert, bei dem Seth MacFarlane Lieder von Frank Sinatra singt (7. August; BBC-Infoseite); und es gibt auch ein Konzert, das ich zuerst gar nicht auf dem Schirm hatte: „Radio 1’s Ibiza Prom“ (BBC iPlayer). Eins der BBC-Orchester spielte dort 90 Minuten lang ein paar Dance-Hits der letzen etwa 30 Jahre. Einfach irre, und das Konzert war richtig gut. Und das alles ist in der „licence fee“ drin.

Nachdem ich auf Twitter einen mehrteiligen Rant gepostet habe, der vermutlich in der schieren Masse meiner Leser verpuffte (hallo, ihr etwa fünf treuen Follower :D) und ich mich an diesen Text gesetzt habe, twitterte Radio 1-DJ Greg James das hier (im Bezug auf das Konzert, das ich eben erwähnte):

I’m watching just one of the 8 million reasons to protect the BBC. It is amazing. @BBCR1 Ibiza Prom. This wouldn’t happen anywhere else.

— Greg James (@gregjames) 29. Juli 2015

Wie recht er hat. Stellt euch das mal vor: die ARD organisiert eine Konzertreihe im Sommer, alles wird on- und offline live übertragen, international bekannte Orchester, Dirigenten und Sänger treten auf. (Während ich das schreibe, singt John Newman eine Live-Orchester-Version eines seiner Songs.) Nicht vorzustellen, oder?

Es wäre so schön, wenn noch in diesem Jahrzehnt die Geosperren für die öffentlich-rechtlichen Mediatheken in Europa fielen. Wenn der Vater eines Freundes, der in Norwegen wohnt, endlich die ZDF-Mediathek vernünftig benutzen kann, und ich endlich den BBC iPlayer benutzen kann. Und auch wenn ich die £12 pro Monat dafür zahlen müsste, um den iPlayer freischalten zu können, wäre ich damit zufrieden (das wäre dann quasi ein nicht ganz billiger, aber guter Netflix-Ersatz). Aber das wird vermutlich nur eine Utopie bleiben. Leider.

BBFC, 1989 – 2002

Aus purer Langeweile habe ich mal die BBFC-Altersfreigabe-Logos von 1989 bis 2002 als Vektorgrafiken gezeichnet – leider ist bei Sketch der SVG-Export kaputt und es dauert noch etwas, bis ich die Dateien bei dieser Hitze manuell korrigiert habe. (Dann werden sie aber nachgereicht.) Deswegen hier die Dateien zuerst als Bilder in ca. 400x400px (12, 15, 18) bzw. 500x700px (U, Uc, PG) bzw. 650×850 (R18).

BBFC Universal Rating (1989–2002)


BBFC Universal Children Rating (1989–2002)

BBFC Parental Guidance Rating (1989–2002)

BBFC Suitable for ages 12 and older Rating (1989–2002)

BBFC Suitable for ages 15 and older (1989–2002)

BBFC Suitable for ages 18 and older (1989–2002)

BBFC Restricted to those 18 and older (1989-2002)

Die SVG-Dateien lade ich später hoch, wenn sie alle korrigiert sind.